Beim Wort Kneipp denkt wohl jeder sofort ans Wassertreten, kalte Güsse und Barfußläufe im Morgentau, vielleicht auch noch an einen gewissen Pfarrer Kneipp. Die Kneipp-Philosophie umfasst aber viel mehr, vor allem auch richtiges Essen und Trinken und bewusste Lebensführung.
Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 – 1897) hat mit seinen Empfehlungen bereits vor über 100 Jahren Prinzipien aufgestellt, deren Befolgung von der heutigen Medizin noch immer zur Gesundheitsvorsorge empfohlen wird. Die kneippsche Lebens- und Heilweise ist trotz ihrer Entstehung vor über 100 Jahren aktueller denn je – geradezu optimal zur Vorbeugung und Heilung von Zivilisationserkrankungen unserer Zeit. Seine Anhängerschaft organisiert sich heute in hunderten Kneipp-Bünden und -Vereinen in der westlichen Welt.
Sebastian Kneipp entwickelte seine Philosophie aus der Selbstbehandlung der Tuberkulose, die er mit kalten Bädern und Kräutern heilen konnte. Während seines über 40-jährigen Wirkens in Bad Wörishofen/Deutschland sah er neben der geistlichen Tätigkeit vor allem die Heilung von Kranken und die Krankheitsvorsorge als seinen wesentlichen Auftrag. Pfarrer Kneipp war schon zu Lebzeiten berühmt, kurz vor seinem Tod erhielt er 1894 von Papst Leo XII den Titel “Monsignore”.
Fünf Säulen des Wohlergehens
Pfarrer Kneipps Philosophie ist eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Menschen und seiner Gesundheit und basiert auf den “fünf Säulen des Wohlergehens”:
1. Wasseranwendungen
2. Heilpflanzen
3. Essen & Trinken
4. Bewegung
5. Harmonische Lebensführung
Wasseranwendungen (Hydrotherapie)
Mit kalten und/oder warmen Güssen, Waschungen, Bürstungen, Bädern, Wickel, Auflagen und Packungen werden thermische Reize auf den Körper ausgeübt, dieser abgehärtet, das Immunsystem gestärkt und die Gefäße besser durchblutet.
Heilpflanzen (Phytotherapie)
Die Natur vor der chemischen Keule versuchen, heilen und den Körper stärken durch Heiltees, Kräutersäfte, Heusackpackungen, Bäder und/oder Inhalationen.
Essen & Trinken (Ernährungstherapie)
Wohlbefinden kommt immer auch von innen. Maßvoll, naturbelassen und abwechslungsreich – das sorgt für Wohlbefinden und Vitalität. Eine ausgewogene, natürliche und schonend zubereitete Ernährung, bevorzugt Vollwertkost in der Kombination mit reichlich Flüssigkeit (ideal sind Wasser oder Kräutertees) vervollständigen das Kneipp-Programm. Pfarrer Kneipp empfahl “zu jeder vollen Stunde einen Viertelliter Wasser trinken”, also etwa 4 Liter über den Tag verteilt. Die richtige Trinkmenge schützt vor Austrocknung des Körpers, beugt aber auch Übergewicht vor, denn die kontinuierliche Flüssigkeitszufuhr verbessert die Verdauung und lässt kein extremes Hungergefühl aufkommen. Eine Austrocknung des Körpers zeigt sich oft erst Jahre später in Form von Gelenkserkrankungen, Vergesslichkeit, Hautproblemen, Schwindel, Kraftlosigkeit, Erschöpfung oder Schlafstörungen. Erstaunlicherweise können diese Beschwerden durch die richtige Trinkmenge gelindert werden. Besonders ältere Menschen sollten sich der regelmäßigen Flüssigkeitszufuhr bewusst sein, weil das Durstgefühl im Alter abnimmt.
Bewegung (Bewegungstherapie)
Sebastian Kneipp erkannte, dass sich Herz und Kreislauf am besten über aktive Bewegung stimulieren und stärken lassen. Seine Erkenntnisse sammelte er in einer Zeit, in der noch ein Großteil der Menschen körperliche Arbeit verrichtete. Heute ist regelmäßige Bewegung als Ausgleich wichtiger denn je. Auch hier gilt wieder: Kurze, intensive Aktivitäten kurbeln den Kreislauf an, langsames Ausdauertraining entspannt und entlastet die Seele.
Harmonische Lebensführung (Ordnungstherapie)
Gesund kann nur sein, wer körperlich und seelisch im Gleichgewicht ist. Die beste Kur, die gesündeste Ernährung und das regelmäßigste Sportprogramm nützen allerdings wenig, wenn Sie sich seelisch nicht wohl fühlen. Selbstheilungskräfte werden nur dann aktiviert, wenn die innere Einstellung stimmt – machen Sie eine Kneipp-Kur auch dann, wenn Sie Ihr inneres Gleichgewicht wieder herstellen wollen. Hier kommt vor allem der abwechselnden Wirkung von Anstrengungs- und Erholungsphasen ein hoher Stellenwert zu.
Vom Knie- bis zum Schenkelguss, vom Wassertreten bis zum Armbad – die häufigsten Behandlungsmethoden nach Sebastian Kneipp sind immer noch die Anwendungen mit Wasser – leicht und eigentlich überall anwendbar.
Das Besondere an Kneippschen Güssen ist der gebundene, fast drucklose Wasserstrahl, wie er etwa aus einer Gießkanne kommt. Die Distanz von der Schlauchmündung bis zur Haut soll rund 10 bis 15 Zentimeter betragen. Bei heftigem Kältegefühl muss der Guss beendet werden. Danach trocknet man die Haut nicht ab, sondern wischt das Wasser nur mit den Händen weg. Jetzt heißt es ab in den Bademantel und die Durchblutung durch Bewegung anregen, etwa mit schnellem Gehen oder Gymnastik.
Wechselwirkung für die Hautdurchblutung
Das Wirkungsprinzip beruht auf der Abfolge von Kälte- und Wärmereizen auf der Haut: Dadurch wird abwechselnd die Hautdurchblutung angeregt und wieder gedämpft. Die Rückkehr des Blutes in die Haut bei der Erwärmung wird als besonders angenehm erlebt.
1. Kniegüsse: Führen Sie den Strahl vom rechten äußeren Sprunggelenksknöchel über die Außenseite bis zur Kniekehle. Dort angelangt wechseln Sie auf die Innenseite und führen den Strahl abwärts zum Innenknöchel. Gehen Sie dann zum linken Bein über. Wiederholen Sie diese Abfolge, bis eine leichte Hautrötung einsetzt. Besonders gut eignen sich Schenkelgüsse bei niedrigem Blutdruck, Krampfadern und zur Blutzirkulationsanregung.
2. Armgüsse: Führen Sie den Strahl vom kleinen Finger ausgehend über die Außenseite bis zur Schulterhöhe. An der Schulter angelangt wechseln Sie wiederum die Seite und führen den Duschkopf an der Arminnenseite bis zum Daumen. Diese Abfolge wird wiederholt bis eine leichte Hautrötung einsetzt.
3. Gesichtsgüsse: Beginnend an der rechten Schläfe und führen Sie den Duschkopf über die Stirn bis zur anderen Kopfseite. Führen Sie diesen Guss drei Mal hintereinander durch und umranden Sie Ihr Gesicht anschließend ebenfalls mit der selben Wiederholungszahl. Während des Gusses sollte der Atem nicht angehalten werden. Gesichtsgüsse eignen sich besonders gut zur Entmüdung und bringen Energie in Ihre verschlafenen Gehirnzellen.
Weitere Kneipp-Anwendungen
1. Wassertreten
Anwendung:
Dazu muss eine Badewanne oder ein anderer, stabiler Behälter bis eine Handbreit unter dem Knie mit kaltem Wasser gefüllt werden. Nun tritt man auf der Stelle und zieht bei jedem Schritt einen Fuß aus dem Wasser. Danach nicht abtrocknen, sondern nur mit den Händen das Wasser von den Beinen streichen, danach wieder Bewegung.
Wirkung:
Wassertreten wirkt kreislaufanregend, durchblutungsfördernd, venenkräftigend, stoffwechselanregend und abhärtend. Empfehlenswert als Muntermacher, bei Krampfadern, heißen Beinen und Migräne.
2. Tau laufen
Anwendung:
Tau laufen hat nichts mit einem Seil zu tun, es geht um taufeuchtes Gras. Drei bis fünf Minuten durch taufeuchtes Gras gehen. Danach trockene Baumwollsocken anziehen und zügig gehen. Genießen Sie dabei den Morgen und eine Wiese, die gerade erwacht – ein wunderbares Gefühl.
Wirkung:
Tau laufen regt den Kreislauf an, wirkt durchblutungsfördernd, kräftigt die Venen, beugt Infekten vor und härtet ab. Empfehlenswert ist diese Methode bei Kopfschmerzen, Krampfadern oder Fußschweiß.
3. Waschungen
Anwendung:
Waschungen stellen eine sanfte Form der Hydrotherapie dar und eignen sich besonders gut für die Anwendung zuhause. Benötigt werden ein gut saugender Waschlappen oder ein grobes, gefaltetes Leinen. Tränken Sie den Lappen in kaltes Wasser und behandeln Sie morgens den am besten noch bettwarmen Körper. Nach der Behandlung ist eine Ruhezeit von einer halben bis einen Stunde empfohlen. Stellen Sie den Eimer mit Wasser und den Lappen am besten bereits am Vorabend bereit.
Wirkung:
Mit Waschungen starten Sie aktiv und mit einem angeregten Kreislauf in den Tag.
4. Das Trockenbürsten
Anwendung:
Hier wird ein mechanischer Reiz auf die Haut ausgeübt. Dabei sollte es aber höchstens zu leichten Rötungen, keinesfalls zu Kratzern oder Striemen kommen. Man beginnt auf der rechten Seite. Der gesamte Körper wird von unten nach oben – immer zum Herzen – in kreisförmigen Bewegungen abgebürstet.
Wirkung:
Wirkt äußerst anregend und sollte daher nicht vor dem Schlafen angewendet werden. Es wirkt durchblutungsfördernd, reguliert den Blutdruck, regt den Kreislauf an und fördert den Haut-Stoffwechsel. Empfehlenswert ist diese Kneipp-Kur bei Kreislaufschwankungen, kalten Händen und Füßen sowie als Unterstützung bei Entgiftungskuren.

